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Montag, 9. Februar 2026

 Blog 07_2026


Wie man mit China-Klischees deutsche Klimapolitik diskreditiert – Heute mal mit offen gelegtem Giftzahn

@Axel Bohanowskis Text in der WELT, von Heute [Rubrik „Wissen“;-) ] „Wie China die deutsche Klimahörigkeit ausnutzt“ ist kein analytischer Beitrag, sondern ein kulturkämpferisches Erzeugnis. Er gehört in jene Gattung von Springer-Artikeln, die sich als Realismus tarnen, aber im Kern Ressentiments bewirtschaften. China ist darin weniger Staat oder Wirtschaftsmacht als Chiffre: für Überforderung, Kontrollverlust und die Kränkung, dass sich globale Entwicklungen nicht mehr in Hamburg oder München entscheiden.

Der zentrale Kampfbegriff Klimahörigkeit verrät dabei mehr über den Autor als über die Politik. Wer ernsthaft glaubt, dass Regierungen, Konzerne, Versicherer und Militärplaner weltweit aus religiösem Eifer auf Dekarbonisierung setzen, hält Ideologie offenbar für ein Hobby der anderen. In Wirklichkeit reagieren Märkte, Investoren und Staaten auf physikalische, ökonomische und rechtliche Rahmenbedingungen. Das ist langweilig – und deshalb wird es im Springer-Universum lieber als Sekte karikiert.

China übernimmt im Text die Rolle des dämonischen Strippenziehers. Es produziert Solarmodule, also muss es tricksen. Es investiert in Batterien, also manipuliert es. Dass dieselbe Logik jahrzehntelang bei westlichen Öl- und Gaskonzernen als legitimes Geschäftsmodell galt, wird diskret verschwiegen. Wenn Exxon oder Gazprom Abhängigkeiten schaffen, ein Trump-Spender die Kontrolle über Ölspeicher übernimmt, heißt das Versorgungssicherheit. Wenn China Lieferketten dominiert, ist es Ausnutzung. Das ist keine Analyse, das ist geopolitische Doppelmoral mit journalistischem Siegel.

Besonders unerquicklich ist die Darstellung der europäischen Selbstentmachtung als chinesische List. Die Zerstörung der deutschen und europäischen Solarindustrie nach 2012 war kein Werk Pekings, sondern eine Mischung aus politischer Kurzsichtigkeit, Lobbydruck und ordnungspolitischem Dogmatismus. Oder schlichter ausgedrückt, die fehlgeleiteten Entscheidungen von überforderten politischen Vertretern dieser Zeit (Altmaier MdB BMWI + Reiche PstS BMU) die sich von einem scheinbar fehlgeleiteten Solarpionier haben inspirieren lassen, der es wohl nicht verstanden hatte sein Unternehmen zukunftssicher auszurichten und dafür einen Schuldigen brauchte. China hat diese Lücke nicht „ausgenutzt“, sondern schlicht gefüllt bzw., um es in der Fußballsprache auszudrücken - den Fehlpass angenommen und das Tor erzielt. Wer darin eine perfide Strategie erkennt, sollte weniger nach Peking schauen und mehr in alte Bundestagsprotokolle und den Protokollen so mancher Boardmeetings.

Auch bei den Emissionen wird moralisch aufgerüstet und faktisch abgerüstet. China emittiert viel – korrekt. Dass es gleichzeitig Fabrikhalle für westlichen Konsum ist, wird ignoriert. Das Smartphone, der Laptop, die Solaranlage: alles sauber im Westen bilanziert, der CO₂-Rucksack praktischerweise ausgelagert. Diese Form der Klimarechnung funktioniert nur, solange man die eigene Bequemlichkeit nicht mitdenken muss.

Der Text unterschlägt zudem systematisch, dass China längst in einem Tempo erneuerbare Energien ausbaut, das selbst wohlmeinende EU-Strategiepapiere erröten lässt. Gigawatt um Gigawatt Solar- und Windkraft, massive Investitionen in Netze, Speicher und Elektromobilität – das alles passt nicht zum Bild des zynischen Trittbrettfahrers. Also wird es entweder kleingeredet oder ignoriert. Selektive Wahrnehmung ist schließlich das Schmieröl jeder Polemik.

Der eigentliche Zweck des Artikels ist jedoch ein anderer: Verantwortung umlenken. Nicht deutsche Konzerne, die jahrelang von globalisierten Lieferketten profitierten, sollen erklären, warum sie technologische Risiken verschliefen. Nicht politische Entscheidungsträger, die Industriepolitik für Teufelszeug hielten. Schuld ist eine diffuse „Klimablase“. Sie ist der perfekte Sündenbock: allgegenwärtig, anonym und wehrlos.

So entsteht ein Text, der vorgibt, Machtverhältnisse zu entlarven, aber in Wahrheit Angst vor Veränderung rationalisiert. Transformation wird als Unterwerfung geframet, Kooperation als Naivität, Komplexität als Verrat am gesunden Menschenverstand. Das ist kein Journalismus im aufklärerischen Sinn, sondern Meinungsmanagement für ein Publikum, das Bestätigung sucht.
Gut, wir sind bei Artikeln aus der Feder eines Mitarbeiters des Springer-Verlages jetzt nicht wirklich überrascht, oder sind wir doch??


Fazit: Wer Klimapolitik kritisieren will, darf das gern tun – hart, faktenbasiert und streitlustig. Wer stattdessen mit China-Karikaturen arbeitet und Ressentiments als Realismus verkauft, betreibt keine Aufklärung. Er betreibt Stimmung. Stimmung die erkennen lässt, dass hier wohl politische Vorgaben zur Sprachrichtung erwartet werden. Und das ist vielleicht das eigentlich Hörige an diesem Text: die Loyalität gegenüber einem Weltbild, das ohne Feindbilder nicht mehr auskommt.

Oder anders formuliert:
Eine harte Auseinandersetzung über Klima- und Industriepolitik ist notwendig. Sie braucht Zahlen, Proportionen und Verantwortlichkeiten. Was sie nicht braucht, ist Sinophobie als rhetorische Abkürzung zur Pointe. Wer so argumentiert, nutzt nicht China aus – sondern die eigene Leserschaft. Aber hey, nach wie vor gibt es genügend Leser die der Meinung sind, Wahrheit liegt in den Werke des Springer-Verlages. Na dann mal Prost.


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