Blog_0021.1_2026
Shanghai ist keine Reise. Es ist ein Blick in unsere Zukunft.
Teil I – Der Moment, in dem der Tellerrand zu klein wurde
Es gibt Reisen, von denen man mit einem Koffer voller Souvenirs zurückkehrt.
Und es gibt Reisen, von denen man mit einer unbequemen Erkenntnis nach Hause kommt.
Die Reise zur SNEC 2026 nach Shanghai gehörte eindeutig zur zweiten Kategorie.
Zugegeben, ich war in diesem Jahr nicht selbst zugegen. Zahlreiche Gespräch mit Besuchern der SNEC26 haben mich jedoch dazu verleitet nachfolgendes zu verfassen. Zu sehr haftet der Gedanke, man könne in Deutschland / Europa die Zukunft besser gestalten als sie derzeit bei der politisch doch eher unerquicklichen fehlgeleiteten Handlungsweise vermuten lässt.
Nachfolgendes basiert somit auf Zusammengetragenes von denen die dort waren.
Schon am ersten Messetag wird klar, dass hier etwas anders ist. Zehntausende Besucher strömen durch die Hallen. Ingenieure diskutieren mit Investoren. Wissenschaftler stehen neben Unternehmern. Start-ups präsentieren Ideen, während wenige Meter weiter Produktionsanlagen verkauft werden, mit denen sich diese Ideen wenige Monate später millionenfach fertigen lassen.
Die Atmosphäre erinnert weniger an eine Messe als an eine Zukunftswerkstatt.
Das Bemerkenswerte daran?
Niemand scheint darüber zu diskutieren, ob die Energie- und Wärmewende kommt.
Man diskutiert ausschließlich darüber, wie man sie schneller umsetzt.
Dieser kleine Unterschied sagt mehr über den Zustand zweier Wirtschaftsräume aus als jede politische Sonntagsrede.
Willkommen im Maschinenraum der Transformation
Wer zum ersten Mal die SNEC besucht, erlebt eine kleine Irritation.
Man sucht den einzelnen Star.
Das revolutionäre Modul.
Die spektakuläre Wärmepumpe.
Den bahnbrechenden Batteriespeicher.
Doch genau darum geht es längst nicht mehr.
Die Zukunft wird hier nicht in Einzelkomponenten gedacht.
Sie wird als Gesamtsystem entwickelt.
Photovoltaik.
Solarthermie.
PVT.
Batteriespeicher.
Großwärmespeicher.
Wärmepumpen.
Energiemanagement.
Künstliche Intelligenz.
Netzintegration.
Alles greift ineinander.
Es ist, als würde man einem Orchester zuhören, in dem nicht mehr jede Geige versucht, lauter zu spielen als die anderen, sondern alle gemeinsam eine Symphonie aufführen.
Und genau an dieser Stelle beginnt das Nachdenken.
Denn während in Deutschland häufig noch darüber diskutiert wird, welche Technologie denn nun "die richtige" sei, hat der Rest der Welt diese Diskussion längst hinter sich gelassen.
Dort lautet die Frage:
Wie kombinieren wir alle Technologien so intelligent wie möglich?
Ein Gespräch, das nachwirkt
Zwischen den Hallen kommt man mit chinesischen Unternehmern ins Gespräch.
Keine große Bühne.
Kein Pressetermin.
Einfach zwei Menschen mit Interesse an Technologie.
Nach wenigen Minuten stellt sich eine Szenerie, eine Frage die haften bleibt. Nicht neu, aber eine Wiederholung einer Frage der ich persönlich schon auf einigen vorherigen Besuchen der SNEC und anderen Reisen nach China begegnet bin.
„Warum arbeitet Europa eigentlich so selten mit uns zusammen?“
Keine Provokation.
Keine Arroganz.
Ein ehrliches Interesse.
Ich erkläre unsere Diskussionen über Abhängigkeiten.
Über geopolitische Risiken.
Über strategische Souveränität.
Er hört aufmerksam zu.
Dann lächelt er.
„Partnerschaft bedeutet doch nicht Abhängigkeit.“
Ein Satz.
Nicht mehr.
Aber manchmal reicht genau ein Satz, um eingefahrene Denkmuster ins Wanken zu bringen.
Der Unterschied zwischen Innovation und Industrialisierung
Im Laufe der nächsten Tage wiederholt sich ein Muster.
Europäische Unternehmen beeindrucken mit Ingenieurskunst.
Chinesische Unternehmen beeindrucken mit Geschwindigkeit.
Europa entwickelt hervorragende Ideen.
China macht daraus Produkte.
Europa baut Prototypen.
China baut Fabriken.
Europa perfektioniert.
China skaliert.
Beides wird gebraucht.
Warum also führen wir diese Diskussion so oft, als müsse zwangsläufig einer verlieren?
Der Blick in den Rückspiegel
Zurück in Deutschland wartet die vertraute Debatte.
Zu teuer.
Zu riskant.
Zu unsicher.
Zu abhängig.
Zu kompliziert.
Man gewinnt gelegentlich den Eindruck, Deutschland sei das einzige Land der Welt, das einen Innovationsprozess zunächst einer umfassenden Risikoanalyse unterzieht – und anschließend überrascht feststellt, dass andere in der Zwischenzeit bereits den Markt besetzt haben.
Natürlich braucht verantwortungsvolle Politik sorgfältige Abwägungen.
Aber zwischen sorgfältigem Abwägen und chronischer Entscheidungsschwäche liegen Welten.
Deutschland beherrscht inzwischen leider beides.
Vor allem Letzteres.
Eine Geschichte, die wir eigentlich schon kennen
Dabei hatten wir all das schon einmal.
Deutschland war Pionier der Solarindustrie.
Unsere Unternehmen gehörten zur Weltspitze.
Unsere Ingenieure entwickelten Technologien, die international Maßstäbe setzten.
Dann kam die berühmte Erkenntnis, dass der Markt das schon irgendwie regeln werde.
Investitionen gingen zurück.
Produktionen verschwanden.
Unternehmen schlossen.
Fachkräfte wechselten den Kontinent.
Andere Länder nutzten die Gelegenheit.
Nicht, weil sie unsere Industrie zerstören wollten.
Sondern weil wir ihnen einen Markt überließen, den wir selbst nicht mehr bedienen wollten.
Manchmal ist Geschichte erstaunlich einfach.
Der eine gibt auf.
Der andere macht weiter.
Der größte Irrtum unserer Zeit
Bis heute halten viele an der Vorstellung fest, die Energiewende sei im Wesentlichen eine Stromwende.
Photovoltaik.
Windkraft.
Batterien.
Fertig.
Doch wer so denkt, plant bestenfalls die Hälfte der Zukunft.
Mehr als die Hälfte unseres Energieverbrauchs entfällt auf Wärme.
Gebäude.
Industrie.
Kommunale Versorgung.
Prozesswärme.
Genau dort entscheidet sich, ob die Transformation wirtschaftlich gelingt.
Und genau dort besitzt Europa nach wie vor enormes Potenzial.
Solarthermie.
Großwärmespeicher.
Wärmenetze.
PVT.
Industriewärme.
Systemintegration.
Das sind keine Nischen.
Das sind Multi-Milliardenmärkte.
Der eigentliche Weckruf
Während wir in Deutschland noch darüber diskutieren, ob Wärmepumpen eine Zumutung oder eine Zumutung mit Förderung sind, arbeiten Unternehmen weltweit bereits an der nächsten Generation kompletter Energiesysteme.
Nicht einzelne Geräte.
Nicht einzelne Hersteller.
Nicht einzelne Apps.
Sondern intelligente Gesamtlösungen.
Wer diese Entwicklung auf der SNEC erlebt hat, erkennt schnell:
Wir diskutieren häufig über die Vergangenheit.
Andere entwickeln längst die Zukunft.
Und genau deshalb stellt sich eine unbequeme Frage.
Nicht an die Politik.
Nicht an die Wirtschaft.
An uns alle.
Wann haben wir eigentlich beschlossen, dass Vorsicht wichtiger ist als Fortschritt?
Denn vielleicht liegt unser größtes Problem gar nicht im internationalen Wettbewerb.
Vielleicht liegt es in der deutschen Überzeugung, jede neue Idee müsse zunächst so lange geprüft werden, bis sie entweder perfekt ist – oder jemand anderes sie erfolgreich verkauft.
Der Tellerrand war einmal ein guter Aussichtspunkt.
Heute ist er vor allem eines:
Ein ziemlich kleines Fenster auf eine Welt, die längst weitergezogen ist.
Fortsetzung folgt …
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