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Donnerstag, 9. Juli 2026

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Shanghai ist keine Reise. Es ist ein Blick in unsere Zukunft.

Teil II – Der Fehler war nicht China. Der Fehler war unser Spiegelbild.

Es gibt eine bemerkenswerte Eigenschaft deutscher Debatten.

Sobald wir den technologischen Anschluss verlieren, suchen wir erstaunlich schnell nach einem Schuldigen – vorzugsweise außerhalb unserer Landesgrenzen.

Mal ist es die Globalisierung.

Mal die billige Konkurrenz.

Mal die unfairen Wettbewerbsbedingungen.

Und in den vergangenen Jahren, und auch aktuell erneut, besonders gern: China.

Das ist bequem.

Leider macht Bequemlichkeit selten gute Industriepolitik.

Denn wer ehrlich auf die vergangenen zwanzig Jahre blickt, muss sich eine unbequeme Frage stellen:

Hat China uns die Zukunft genommen – oder haben wir sie freiwillig aus der Hand gegeben?

Der Unterschied zwischen Ursache und Ausrede

Erinnern wir uns.

Deutschland war einmal Solarnation.

Nicht nur beim Installieren.

Beim Entwickeln.

Beim Produzieren.

Beim Exportieren.

Unsere Unternehmen bauten Module, Wechselrichter und Produktionsanlagen, die weltweit gefragt waren. Deutsche Ingenieurskunst war ein Gütesiegel, kein Marketingbegriff.

Dann kam der Moment, an dem politische Kurzsichtigkeit auf wirtschaftliche Selbstzufriedenheit traf.

Die sogenannte Altmaier-Delle war weit mehr als eine Korrektur eines Fördermechanismus. Sie war das Signal an eine ganze Industrie: Mit euch planen wir nicht mehr.

Investitionen versiegten.

Produktionslinien wurden stillgelegt.

Unternehmen verschwanden.

Fachkräfte gingen dorthin, wo Zukunft nicht diskutiert, sondern gebaut wurde.

Und während Deutschland den Rückzug organisierte, organisierte China den Aufbruch.

Das ist kein Vorwurf.

Das ist eine nüchterne Beschreibung dessen, was passiert, wenn der eine den Ball liegen lässt und der andere ihn aufnimmt.

Der Mythos vom chinesischen Wunder

Immer wieder hört man den Satz:

"China hat seine Industrie nur mit Subventionen groß gemacht."

Wer so argumentiert, erzählt allerdings nur die halbe Geschichte.

Ja, China hat strategische Industrien massiv unterstützt.

Aber nicht, um Europa zu ärgern.

Sondern weil man verstanden hatte, dass Skalierung der Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit ist.

Millionen produzierte Module bedeuten sinkende Stückkosten.

Sinkende Stückkosten schaffen neue Nachfrage.

Neue Nachfrage führt zu noch größeren Produktionskapazitäten.

Mal abgesehen davon, dass Mitarbeiter in Lohn und Brot dem ganzen Land gut tun, da kann man dann auch mal auf die Gier nach Margen verzichten.

Das Ergebnis kennen wir alle.

Photovoltaik ist heute weltweit die günstigste Form der Stromerzeugung – nicht trotz der Skalierung, sondern wegen ihr.

Dasselbe erleben wir inzwischen bei Batteriespeichern.

Dasselbe beginnt bei Wärmepumpen.

Und genau dieselbe Entwicklung wird bei integrierten Energiesystemen stattfinden.

Skalierung ist kein Schimpfwort.

Sie ist die Grundlage moderner Industrie.

Europa perfektioniert. China industrialisiert.

Während der Gespräche über die SNEC fiel ein Satz immer wieder.

Nicht wortgleich.

Aber sinngemäß.

"Europa entwickelt tolle Technologien. Wir entwickeln sie weiter und machen sie bezahlbar."

Zunächst kratzt dieser Satz am europäischen Selbstverständnis.

Doch je länger man darüber nachdenkt, desto deutlicher wird:

Beides stimmt.

Europa ist hervorragend darin, Probleme zu lösen.

China ist hervorragend darin, Lösungen in den Markt zu bringen - einfach zu machen.

Warum also behandeln wir diese Fähigkeiten, als wären sie Gegensätze?

Sie ergänzen sich nahezu ideal.

Die eigentliche Kunst besteht darin, daraus Partnerschaften auf Augenhöhe zu formen.

Nicht verlängerte Werkbänke.

Nicht Abhängigkeiten.

Sondern gemeinsame Wertschöpfung.

Arroganz war noch nie ein Geschäftsmodell

Vielleicht liegt genau hier unser größtes Problem.

Europa betrachtet sich noch immer gern als Lehrer der Welt.

Mit erhobenem Zeigefinger erklären wir anderen, wie Märkte funktionieren sollten, wie Industriepolitik auszusehen hat und welche Technologien die Zukunft bestimmen.

Währenddessen baut der vermeintliche Schüler längst die Fabriken, liefert die Produkte und investiert Milliarden in Forschung und Entwicklung.

Irgendwann muss man akzeptieren:

Wer die Produktion beherrscht, sitzt heute ebenso am Verhandlungstisch wie derjenige, der die Idee hatte.

Das ist keine Niederlage.

Das ist die Realität des 21. Jahrhunderts.


Der nächste Fehler kündigt sich bereits an

Wer glaubt, die Photovoltaik sei ein einmaliger Ausrutscher gewesen, sollte den Blick auf den Wärmemarkt richten.

Dort zeichnet sich gerade das nächste Kapitel ab.

Wärmepumpen.

PVT.

Großwärmespeicher.

Integrierte Energiesysteme.

KI-gestützte Steuerungen.

Systemlösungen für Quartiere und Industrie.

Genau dort entscheidet sich in den kommenden Jahren, wer Milliardenmärkte erschließt.

Und genau dort beobachten wir wieder dieselben Reflexe.

Zu teuer.

Zu kompliziert.

Zu viele Vorschriften.

Zu viel Bürokratie.

Zu wenig Investitionssicherheit.

Man könnte fast meinen, Deutschland habe aus der Photovoltaik vor allem gelernt, denselben Fehler künftig etwas gründlicher zu dokumentieren.

Berlin verwaltet. Die Welt gestaltet.

Natürlich braucht Politik Regeln.

Natürlich braucht sie Sicherheit.

Natürlich braucht sie Kontrolle.

Aber manchmal gewinnt man den Eindruck, als halte man in Berlin Planungssicherheit für etwas, das möglichst alle sechs Monate neu definiert werden sollte.

Unternehmen investieren jedoch nicht in Schlagzeilen.

Sie investieren in Verlässlichkeit.

Innovation liebt Geschwindigkeit.

Kapital liebt Berechenbarkeit.

Industrie liebt klare Rahmenbedingungen.

Dauerhafte Richtungswechsel hingegen liebt eigentlich niemand – außer vielleicht Hersteller von Aktenschränken für Ministerien.

Was die Politik nicht versteht

Die Energie- und Wärmewende ist kein Kostenblock.

Sie ist ein gigantisches Konjunkturprogramm.

Jede neue Produktionshalle.

Jeder Wärmespeicher.

Jede Solarthermieanlage.

Jedes Wärmenetz.

Jede Fabrik für PVT-Systeme.

Jede intelligente Steuerung schafft Wertschöpfung.

Schafft Arbeitsplätze.

Schafft Exportmöglichkeiten.

Schafft Steuereinnahmen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Was kostet die Transformation?

Sondern:

Was kostet es, sie erneut zu verschlafen?

Auf diese Rechnung gibt es inzwischen genügend historische Beispiele.

Sie fallen allesamt erstaunlich teuer aus.

Vielleicht denken wir einfach zu klein

Während wir in Europa häufig darüber diskutieren, wie wir chinesische Produkte ersetzen können, stellen sich viele chinesische Unternehmen längst eine andere Frage:

"Mit welchen europäischen Unternehmen können wir gemeinsam neue Märkte erschließen?"

Afrika.

Südamerika.

Südostasien.

Der Nahe Osten.

Der globale Wärmebedarf wächst rasant.

Der Bedarf an bezahlbaren Gesamtlösungen ebenso.

Warum sollten europäische Innovationskraft und chinesische Industrialisierung dort nicht gemeinsam erfolgreich sein?

Win-win ist kein romantischer Begriff.

Win-win ist meistens einfach gutes Geschäftsmodell.

Die unbequeme Wahrheit

Vielleicht müssen wir uns von einem Gedanken verabschieden.

Deutschland wird die industrielle Welt des Jahres 1995 nicht zurückholen.

Und das muss es auch gar nicht.

Die Zukunft besteht nicht darin, alles allein zu machen.

Sie besteht darin, das Beste aus unterschiedlichen Stärken zusammenzuführen.

Europa liefert Ideen.

China liefert Geschwindigkeit.

Gemeinsam entstehen Lösungen.

Genau das ist moderne Industriepolitik.

Nicht Abschottung.

Nicht Misstrauen.

Nicht nostalgische Träume von einer Vergangenheit, die ohnehin nicht zurückkehrt.

Sondern Kooperation mit klaren Regeln, gegenseitigem Respekt und wirtschaftlichem Nutzen für beide Seiten.

Wer darin eine Schwäche sieht, hat vermutlich nicht verstanden, wie Wohlstand im 21. Jahrhundert entsteht.

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Unterschied zwischen den Hallen der SNEC und manchen politischen Debatten in Europa:

In Shanghai wird darüber gesprochen, wie Zukunft gebaut wird.

In Berlin leider noch viel zu oft darüber, warum sie vielleicht lieber warten sollte bis die nächste Regierung Verantwortung übernimmt.

Dabei hat Zukunft eine ausgesprochen unangenehme Eigenschaft.

Sie wartet auf niemanden.

Fortsetzung folgt …

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