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Freitag, 23. Januar 2026

Blog-Beitrag 03_2026 

Die Angst vor dem unsichtbaren Drachen – ein europäisches Ritual

In der öffentlichen Debatte entsteht bisweilen der Eindruck, als säße in jedem asiatischen Wechselrichter ein kleiner, geduldiger Parteisekretär, der nur darauf wartet, nachts um drei den europäischen Strommarkt abzuschalten. Diese Vorstellung mag dramaturgisch reizvoll sein, ersetzt aber keine belastbare Risikoanalyse. Die EU neigt hier zu einem bekannten Muster: technologische Komplexität wird mit geopolitischer Projektion vermischt – und am Ende steht weniger Sicherheit, dafür mehr Regulierung.

An dieser Stelle eine kleine Nebenanmerkung:
Es ist schon arg auffällig, dass insbesondere dann derartige Diskussionen aufkommen, wenn mal wieder ein Unternehmen in Europa angeschlagen ist. Aktuell ist es, zum wiederholten Mal, der Wechselrichterhersteller SMA. Da man nach wie vor scheinbar nicht im eigenen Haus nach dem Grund der wirtschaftlichen und auch technologischen Schieflage sucht, hat man mit dem bösen Chinesen schnell den Schuldigen für die hauseigenen Gründe gefunden. Aber zurück zum eigentlichen Diskurs.
Und ein weitere Hinweis sei an dieser Stelle erlaubt: 
Wenn man, wie beim Mitbewerber Huawei, bereits Lösungen serienreif hat die KI-gestütztes Energiemanagement als Plus-In-Lösung mit PV + WP + ES aufweisen kann, ist nachvollziehbar, dass man, mangels eigener Innovationskraft,  Schützenhilfe von politischer Seite braucht, um den ungeliebten Mitstreiter vom Markt zu nehmen. (Stichwort EMMA-A02) 

Die zunehmende Sinophobie im Technologiediskurs wirkt dabei weniger wie eine nüchterne Sicherheitsstrategie, sondern eher wie eine Mischung aus industriepolitischer Verunsicherung und strategischer Selbstberuhigung. Wenn europäische Hersteller Marktanteile verlieren, liegt das häufig an vielen Faktoren wie: Preis, Innovationskraft, Fertigungstiefe, fehlende geschlossene Lieferketten der Vorprodukte, Skalierung oder Geschwindigkeit etc. etc. – somit nicht zwingend an fremdgesteuerten Hintertüren. Dass diese ökonomische Realität politisch schwer zu verkraften und schwerer zu vermitteln ist als ein diffuses Bedrohungsszenario, erklärt möglicherweise den rhetorischen Eifer, mit dem Herkunftsfragen überbetont werden.

Ironischerweise vertraut man gleichzeitig bereitwillig auf Cloud-Infrastrukturen, Betriebssysteme und Software-Stacks, Preisgabe von persönlichen Daten in diversen Communities, Bank- und steuerlich relevante Daten in irgendwelchen netten APPs und vielen dubiosen Datenverteilungsräumen mehr, deren Herkunft zwar nicht chinesisch ist, deren Intransparenz aber kaum geringer ausfällt. Offenbar gilt: Remote-Zugriff ist nur dann beunruhigend, wenn er aus der „falschen“ Zeitzone kommt.

Regulatorische Beruhigung statt technischer Resilienz

Besonders bemerkenswert ist, dass sich die europäische Sicherheitsdebatte oft stärker auf wer ein Gerät herstellt konzentriert als auf wie es technisch abgesichert ist. Zertifikate, Herkunftslabels und politische Risikoklassifizierungen vermitteln ein Gefühl von Kontrolle – ändern aber nichts daran, dass Cybersecurity kein Pass ist, sondern ein Prozess. Wer glaubt, durch das Entfernen bestimmter Anbieter automatisch sicherer zu werden, unterschätzt die Dynamik moderner IT-Systeme und überschätzt den Nutzen symbolischer Maßnahmen.

Dabei wirkt die EU stellenweise wie ein Akteur, der aus Angst vor Stolperfallen lieber den gesamten Marktplatz absperrt – und sich anschließend wundert, warum Innovation, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit darunter leiden. Gerade in der Energiewende, die auf schnelle Skalierung, Kosteneffizienz und technologische Offenheit angewiesen ist, kann überzogene Regulierung unbeabsichtigt genau das Gegenteil dessen bewirken, was sie vorgibt zu schützen.


Ökonomische Selbstkasteiung als Sicherheitsstrategie?

Nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob eine pauschale Skepsis gegenüber asiatischer Elektronik Europas Position tatsächlich stärkt – oder ob sie vielmehr zu höheren Preisen, geringerer Auswahl und wachsender Abhängigkeit von wenigen verbleibenden Anbietern führt. Sicherheit durch Marktverengung ist ein fragiles Versprechen. Wer globale Lieferketten politisch fragmentiert, riskiert neue Abhängigkeiten statt alte zu reduzieren.

Die Vorstellung, man könne sich durch den Austausch „asiatischer Risiken“ gegen „westliche Sicherheit“ immunisieren, ist dabei ebenso bequem wie trügerisch. Dies gerade auch mit einem doch eher kritisch vorzunehmenden Blick gen USA. Eine westliche Nation, welche von einem Mann mit gefühlter Megalomanie und Weltherrschaftsphantasien angeführt wird. Oder sagen wir mal eher, einem Führer welchen man doch eher als Handpuppe für die Öffentlichkeitsarbeit der großen multinationalen Technologieunternehmen wahrnimmt. Dazu gehören auch Unternehmen der  Informationstechnologien-Branche. Was wenn diese Weltherrschaftsphantasien die Elektronik der westlichen Nutzer unter Kontrolle bringt? Zugegeben, hört sich nach Verschwörungsgeschwurbel an. ABER, ist der Gedanke wirklich so abwegig?

Mit der Wahl westlicher Elektronik wähnt man sich ja dümmlicherweise in Sicherheit, wenn es um fremdgesteuerte und unerwünschte Datennutzung geht. Eine äußerst trügerische Sichtweise. In einer globalisierten Technologieökonomie ist Sicherheit kein Herkunftsmerkmal, sondern das Ergebnis von Architektur, Kontrolle, Offenlegung und kontinuierlicher Prüfung.

Ergänzendes Fazit

Eine nüchterne Betrachtung zeigt: Die EU steht nicht vor einer chinesischen Übernahme ihrer Stromnetze, sondern vor der anspruchsvollen Aufgabe, Sicherheitsinteressen, wirtschaftliche Realität und technologische Vernunft in Einklang zu bringen. Wer dabei vorschnell auf Angstnarrative setzt, riskiert nicht nur politische Glaubwürdigkeit, sondern auch wirtschaftlichen Schaden.

Oder anders formuliert:
Nicht jeder Wechselrichter ist ein Trojanisches Pferd – und nicht jede Regulierung ein Sicherheitsgewinn.


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