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Donnerstag, 9. Juli 2026

 Blog_0021.2_2026

Shanghai ist keine Reise. Es ist ein Blick in unsere Zukunft.

Teil II – Der Fehler war nicht China. Der Fehler war unser Spiegelbild.

Es gibt eine bemerkenswerte Eigenschaft deutscher Debatten.

Sobald wir den technologischen Anschluss verlieren, suchen wir erstaunlich schnell nach einem Schuldigen – vorzugsweise außerhalb unserer Landesgrenzen.

Mal ist es die Globalisierung.

Mal die billige Konkurrenz.

Mal die unfairen Wettbewerbsbedingungen.

Und in den vergangenen Jahren, und auch aktuell erneut, besonders gern: China.

Das ist bequem.

Leider macht Bequemlichkeit selten gute Industriepolitik.

Denn wer ehrlich auf die vergangenen zwanzig Jahre blickt, muss sich eine unbequeme Frage stellen:

Hat China uns die Zukunft genommen – oder haben wir sie freiwillig aus der Hand gegeben?

Der Unterschied zwischen Ursache und Ausrede

Erinnern wir uns.

Deutschland war einmal Solarnation.

Nicht nur beim Installieren.

Beim Entwickeln.

Beim Produzieren.

Beim Exportieren.

Unsere Unternehmen bauten Module, Wechselrichter und Produktionsanlagen, die weltweit gefragt waren. Deutsche Ingenieurskunst war ein Gütesiegel, kein Marketingbegriff.

Dann kam der Moment, an dem politische Kurzsichtigkeit auf wirtschaftliche Selbstzufriedenheit traf.

Die sogenannte Altmaier-Delle war weit mehr als eine Korrektur eines Fördermechanismus. Sie war das Signal an eine ganze Industrie: Mit euch planen wir nicht mehr.

Investitionen versiegten.

Produktionslinien wurden stillgelegt.

Unternehmen verschwanden.

Fachkräfte gingen dorthin, wo Zukunft nicht diskutiert, sondern gebaut wurde.

Und während Deutschland den Rückzug organisierte, organisierte China den Aufbruch.

Das ist kein Vorwurf.

Das ist eine nüchterne Beschreibung dessen, was passiert, wenn der eine den Ball liegen lässt und der andere ihn aufnimmt.

Der Mythos vom chinesischen Wunder

Immer wieder hört man den Satz:

"China hat seine Industrie nur mit Subventionen groß gemacht."

Wer so argumentiert, erzählt allerdings nur die halbe Geschichte.

Ja, China hat strategische Industrien massiv unterstützt.

Aber nicht, um Europa zu ärgern.

Sondern weil man verstanden hatte, dass Skalierung der Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit ist.

Millionen produzierte Module bedeuten sinkende Stückkosten.

Sinkende Stückkosten schaffen neue Nachfrage.

Neue Nachfrage führt zu noch größeren Produktionskapazitäten.

Mal abgesehen davon, dass Mitarbeiter in Lohn und Brot dem ganzen Land gut tun, da kann man dann auch mal auf die Gier nach Margen verzichten.

Das Ergebnis kennen wir alle.

Photovoltaik ist heute weltweit die günstigste Form der Stromerzeugung – nicht trotz der Skalierung, sondern wegen ihr.

Dasselbe erleben wir inzwischen bei Batteriespeichern.

Dasselbe beginnt bei Wärmepumpen.

Und genau dieselbe Entwicklung wird bei integrierten Energiesystemen stattfinden.

Skalierung ist kein Schimpfwort.

Sie ist die Grundlage moderner Industrie.

Europa perfektioniert. China industrialisiert.

Während der Gespräche über die SNEC fiel ein Satz immer wieder.

Nicht wortgleich.

Aber sinngemäß.

"Europa entwickelt tolle Technologien. Wir entwickeln sie weiter und machen sie bezahlbar."

Zunächst kratzt dieser Satz am europäischen Selbstverständnis.

Doch je länger man darüber nachdenkt, desto deutlicher wird:

Beides stimmt.

Europa ist hervorragend darin, Probleme zu lösen.

China ist hervorragend darin, Lösungen in den Markt zu bringen - einfach zu machen.

Warum also behandeln wir diese Fähigkeiten, als wären sie Gegensätze?

Sie ergänzen sich nahezu ideal.

Die eigentliche Kunst besteht darin, daraus Partnerschaften auf Augenhöhe zu formen.

Nicht verlängerte Werkbänke.

Nicht Abhängigkeiten.

Sondern gemeinsame Wertschöpfung.

Arroganz war noch nie ein Geschäftsmodell

Vielleicht liegt genau hier unser größtes Problem.

Europa betrachtet sich noch immer gern als Lehrer der Welt.

Mit erhobenem Zeigefinger erklären wir anderen, wie Märkte funktionieren sollten, wie Industriepolitik auszusehen hat und welche Technologien die Zukunft bestimmen.

Währenddessen baut der vermeintliche Schüler längst die Fabriken, liefert die Produkte und investiert Milliarden in Forschung und Entwicklung.

Irgendwann muss man akzeptieren:

Wer die Produktion beherrscht, sitzt heute ebenso am Verhandlungstisch wie derjenige, der die Idee hatte.

Das ist keine Niederlage.

Das ist die Realität des 21. Jahrhunderts.


Der nächste Fehler kündigt sich bereits an

Wer glaubt, die Photovoltaik sei ein einmaliger Ausrutscher gewesen, sollte den Blick auf den Wärmemarkt richten.

Dort zeichnet sich gerade das nächste Kapitel ab.

Wärmepumpen.

PVT.

Großwärmespeicher.

Integrierte Energiesysteme.

KI-gestützte Steuerungen.

Systemlösungen für Quartiere und Industrie.

Genau dort entscheidet sich in den kommenden Jahren, wer Milliardenmärkte erschließt.

Und genau dort beobachten wir wieder dieselben Reflexe.

Zu teuer.

Zu kompliziert.

Zu viele Vorschriften.

Zu viel Bürokratie.

Zu wenig Investitionssicherheit.

Man könnte fast meinen, Deutschland habe aus der Photovoltaik vor allem gelernt, denselben Fehler künftig etwas gründlicher zu dokumentieren.

Berlin verwaltet. Die Welt gestaltet.

Natürlich braucht Politik Regeln.

Natürlich braucht sie Sicherheit.

Natürlich braucht sie Kontrolle.

Aber manchmal gewinnt man den Eindruck, als halte man in Berlin Planungssicherheit für etwas, das möglichst alle sechs Monate neu definiert werden sollte.

Unternehmen investieren jedoch nicht in Schlagzeilen.

Sie investieren in Verlässlichkeit.

Innovation liebt Geschwindigkeit.

Kapital liebt Berechenbarkeit.

Industrie liebt klare Rahmenbedingungen.

Dauerhafte Richtungswechsel hingegen liebt eigentlich niemand – außer vielleicht Hersteller von Aktenschränken für Ministerien.

Was die Politik nicht versteht

Die Energie- und Wärmewende ist kein Kostenblock.

Sie ist ein gigantisches Konjunkturprogramm.

Jede neue Produktionshalle.

Jeder Wärmespeicher.

Jede Solarthermieanlage.

Jedes Wärmenetz.

Jede Fabrik für PVT-Systeme.

Jede intelligente Steuerung schafft Wertschöpfung.

Schafft Arbeitsplätze.

Schafft Exportmöglichkeiten.

Schafft Steuereinnahmen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Was kostet die Transformation?

Sondern:

Was kostet es, sie erneut zu verschlafen?

Auf diese Rechnung gibt es inzwischen genügend historische Beispiele.

Sie fallen allesamt erstaunlich teuer aus.

Vielleicht denken wir einfach zu klein

Während wir in Europa häufig darüber diskutieren, wie wir chinesische Produkte ersetzen können, stellen sich viele chinesische Unternehmen längst eine andere Frage:

"Mit welchen europäischen Unternehmen können wir gemeinsam neue Märkte erschließen?"

Afrika.

Südamerika.

Südostasien.

Der Nahe Osten.

Der globale Wärmebedarf wächst rasant.

Der Bedarf an bezahlbaren Gesamtlösungen ebenso.

Warum sollten europäische Innovationskraft und chinesische Industrialisierung dort nicht gemeinsam erfolgreich sein?

Win-win ist kein romantischer Begriff.

Win-win ist meistens einfach gutes Geschäftsmodell.

Die unbequeme Wahrheit

Vielleicht müssen wir uns von einem Gedanken verabschieden.

Deutschland wird die industrielle Welt des Jahres 1995 nicht zurückholen.

Und das muss es auch gar nicht.

Die Zukunft besteht nicht darin, alles allein zu machen.

Sie besteht darin, das Beste aus unterschiedlichen Stärken zusammenzuführen.

Europa liefert Ideen.

China liefert Geschwindigkeit.

Gemeinsam entstehen Lösungen.

Genau das ist moderne Industriepolitik.

Nicht Abschottung.

Nicht Misstrauen.

Nicht nostalgische Träume von einer Vergangenheit, die ohnehin nicht zurückkehrt.

Sondern Kooperation mit klaren Regeln, gegenseitigem Respekt und wirtschaftlichem Nutzen für beide Seiten.

Wer darin eine Schwäche sieht, hat vermutlich nicht verstanden, wie Wohlstand im 21. Jahrhundert entsteht.

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Unterschied zwischen den Hallen der SNEC und manchen politischen Debatten in Europa:

In Shanghai wird darüber gesprochen, wie Zukunft gebaut wird.

In Berlin leider noch viel zu oft darüber, warum sie vielleicht lieber warten sollte bis die nächste Regierung Verantwortung übernimmt.

Dabei hat Zukunft eine ausgesprochen unangenehme Eigenschaft.

Sie wartet auf niemanden.

Fortsetzung folgt …

Blog_0021.1_2026

Shanghai ist keine Reise. Es ist ein Blick in unsere Zukunft.

Teil I – Der Moment, in dem der Tellerrand zu klein wurde

Es gibt Reisen, von denen man mit einem Koffer voller Souvenirs zurückkehrt.

Und es gibt Reisen, von denen man mit einer unbequemen Erkenntnis nach Hause kommt.

Die Reise zur SNEC 2026 nach Shanghai gehörte eindeutig zur zweiten Kategorie.

Zugegeben, ich war in diesem Jahr nicht selbst zugegen. Zahlreiche Gespräch mit Besuchern der SNEC26 haben mich jedoch dazu verleitet nachfolgendes zu verfassen. Zu sehr haftet der Gedanke, man könne in Deutschland / Europa die Zukunft besser gestalten als sie derzeit bei der politisch doch eher unerquicklichen fehlgeleiteten Handlungsweise vermuten lässt.

   


Nachfolgendes basiert somit auf Zusammengetragenes von denen die dort waren.

Schon am ersten Messetag wird klar, dass hier etwas anders ist. Zehntausende Besucher strömen durch die Hallen. Ingenieure diskutieren mit Investoren. Wissenschaftler stehen neben Unternehmern. Start-ups präsentieren Ideen, während wenige Meter weiter Produktionsanlagen verkauft werden, mit denen sich diese Ideen wenige Monate später millionenfach fertigen lassen.

Die Atmosphäre erinnert weniger an eine Messe als an eine Zukunftswerkstatt.

Das Bemerkenswerte daran?

Niemand scheint darüber zu diskutieren, ob die Energie- und Wärmewende kommt.

Man diskutiert ausschließlich darüber, wie man sie schneller umsetzt.

Dieser kleine Unterschied sagt mehr über den Zustand zweier Wirtschaftsräume aus als jede politische Sonntagsrede.

Willkommen im Maschinenraum der Transformation

Wer zum ersten Mal die SNEC besucht, erlebt eine kleine Irritation.

Man sucht den einzelnen Star.

Das revolutionäre Modul.

Die spektakuläre Wärmepumpe.

Den bahnbrechenden Batteriespeicher.

Doch genau darum geht es längst nicht mehr.

Die Zukunft wird hier nicht in Einzelkomponenten gedacht.

Sie wird als Gesamtsystem entwickelt.

Photovoltaik.

Solarthermie.

PVT.

Batteriespeicher.

Großwärmespeicher.

Wärmepumpen.

Energiemanagement.

Künstliche Intelligenz.

Netzintegration.

Alles greift ineinander.

Es ist, als würde man einem Orchester zuhören, in dem nicht mehr jede Geige versucht, lauter zu spielen als die anderen, sondern alle gemeinsam eine Symphonie aufführen.

Und genau an dieser Stelle beginnt das Nachdenken.

Denn während in Deutschland häufig noch darüber diskutiert wird, welche Technologie denn nun "die richtige" sei, hat der Rest der Welt diese Diskussion längst hinter sich gelassen.

Dort lautet die Frage:

Wie kombinieren wir alle Technologien so intelligent wie möglich?

Ein Gespräch, das nachwirkt

Zwischen den Hallen kommt man mit chinesischen Unternehmern ins Gespräch.

Keine große Bühne.

Kein Pressetermin.

Einfach zwei Menschen mit Interesse an Technologie.

Nach wenigen Minuten stellt sich eine Szenerie, eine Frage die haften bleibt. Nicht neu, aber eine Wiederholung einer Frage der ich persönlich schon auf einigen vorherigen Besuchen der SNEC und anderen Reisen nach China begegnet bin.

„Warum arbeitet Europa eigentlich so selten mit uns zusammen?“

Keine Provokation.

Keine Arroganz.

Ein ehrliches Interesse.

Ich erkläre unsere Diskussionen über Abhängigkeiten.

Über geopolitische Risiken.

Über strategische Souveränität.

Er hört aufmerksam zu.

Dann lächelt er.

„Partnerschaft bedeutet doch nicht Abhängigkeit.“

Ein Satz.

Nicht mehr.

Aber manchmal reicht genau ein Satz, um eingefahrene Denkmuster ins Wanken zu bringen.

Der Unterschied zwischen Innovation und Industrialisierung

Im Laufe der nächsten Tage wiederholt sich ein Muster.

Europäische Unternehmen beeindrucken mit Ingenieurskunst.

Chinesische Unternehmen beeindrucken mit Geschwindigkeit.

Europa entwickelt hervorragende Ideen.

China macht daraus Produkte.

Europa baut Prototypen.

China baut Fabriken.

Europa perfektioniert.

China skaliert.

Beides wird gebraucht.

Warum also führen wir diese Diskussion so oft, als müsse zwangsläufig einer verlieren?

Der Blick in den Rückspiegel

Zurück in Deutschland wartet die vertraute Debatte.

Zu teuer.

Zu riskant.

Zu unsicher.

Zu abhängig.

Zu kompliziert.

Man gewinnt gelegentlich den Eindruck, Deutschland sei das einzige Land der Welt, das einen Innovationsprozess zunächst einer umfassenden Risikoanalyse unterzieht – und anschließend überrascht feststellt, dass andere in der Zwischenzeit bereits den Markt besetzt haben.

Natürlich braucht verantwortungsvolle Politik sorgfältige Abwägungen.

Aber zwischen sorgfältigem Abwägen und chronischer Entscheidungsschwäche liegen Welten.

Deutschland beherrscht inzwischen leider beides.

Vor allem Letzteres.

Eine Geschichte, die wir eigentlich schon kennen

Dabei hatten wir all das schon einmal.

Deutschland war Pionier der Solarindustrie.

Unsere Unternehmen gehörten zur Weltspitze.

Unsere Ingenieure entwickelten Technologien, die international Maßstäbe setzten.

Dann kam die berühmte Erkenntnis, dass der Markt das schon irgendwie regeln werde.

Investitionen gingen zurück.

Produktionen verschwanden.

Unternehmen schlossen.

Fachkräfte wechselten den Kontinent.

Andere Länder nutzten die Gelegenheit.

Nicht, weil sie unsere Industrie zerstören wollten.

Sondern weil wir ihnen einen Markt überließen, den wir selbst nicht mehr bedienen wollten.

Manchmal ist Geschichte erstaunlich einfach.

Der eine gibt auf.

Der andere macht weiter.

Der größte Irrtum unserer Zeit

Bis heute halten viele an der Vorstellung fest, die Energiewende sei im Wesentlichen eine Stromwende.

Photovoltaik.

Windkraft.

Batterien.

Fertig.

Doch wer so denkt, plant bestenfalls die Hälfte der Zukunft.

Mehr als die Hälfte unseres Energieverbrauchs entfällt auf Wärme.

Gebäude.

Industrie.

Kommunale Versorgung.

Prozesswärme.

Genau dort entscheidet sich, ob die Transformation wirtschaftlich gelingt.

Und genau dort besitzt Europa nach wie vor enormes Potenzial.

Solarthermie.

Großwärmespeicher.

Wärmenetze.

PVT.

Industriewärme.

Systemintegration.

Das sind keine Nischen.

Das sind Multi-Milliardenmärkte.

Der eigentliche Weckruf

Während wir in Deutschland noch darüber diskutieren, ob Wärmepumpen eine Zumutung oder eine Zumutung mit Förderung sind, arbeiten Unternehmen weltweit bereits an der nächsten Generation kompletter Energiesysteme.

Nicht einzelne Geräte.

Nicht einzelne Hersteller.

Nicht einzelne Apps.

Sondern intelligente Gesamtlösungen.

Wer diese Entwicklung auf der SNEC erlebt hat, erkennt schnell:

Wir diskutieren häufig über die Vergangenheit.

Andere entwickeln längst die Zukunft.

Und genau deshalb stellt sich eine unbequeme Frage.

Nicht an die Politik.

Nicht an die Wirtschaft.

An uns alle.

Wann haben wir eigentlich beschlossen, dass Vorsicht wichtiger ist als Fortschritt?

Denn vielleicht liegt unser größtes Problem gar nicht im internationalen Wettbewerb.

Vielleicht liegt es in der deutschen Überzeugung, jede neue Idee müsse zunächst so lange geprüft werden, bis sie entweder perfekt ist – oder jemand anderes sie erfolgreich verkauft.

Der Tellerrand war einmal ein guter Aussichtspunkt.

Heute ist er vor allem eines:

Ein ziemlich kleines Fenster auf eine Welt, die längst weitergezogen ist.

Fortsetzung folgt …

Mittwoch, 8. Juli 2026

 Blog_0020_2026


Nicht jammern. Machen. Warum Deutschlands Zukunft nicht in der Vergangenheit liegt.

Es gibt Zeiten, in denen Geschichte geschrieben wird. Und es gibt Zeiten, in denen man darüber diskutiert, ob der Stift überhaupt zugelassen werden sollte.

Deutschland befindet sich derzeit irgendwo dazwischen.

Während große Teile der Welt mit beeindruckender Geschwindigkeit an der Energie- und Wärmewende arbeiten, verlieren wir uns häufig in Debatten, die eher an die Bewahrung eines Industriemuseums erinnern als an den Aufbruch in eine neue wirtschaftliche Ära. Statt Chancen zu erkennen, wird über Risiken philosophiert. Statt Technologien zu entwickeln, werden Förderkulissen diskutiert. Und statt Märkte zu gestalten, versucht Politik allzu oft, sie zu verwalten.

Dabei ist die eigentliche Aufgabe glasklar.

Die Energie- und Wärmewende ist keine Belastung für unseren Wohlstand. Sie ist seine vielleicht größte wirtschaftliche Chance seit der industriellen Revolution.

Wer die Energiewende auf Strom reduziert, hat sie nicht verstanden

Noch immer wird in Deutschland so getan, als bestünde die Energiewende hauptsächlich aus Photovoltaik und Windkraft.

Das greift dramatisch zu kurz.

Wir sprechen über eine Energie- und WÄRME-Wende.

Mehr als die Hälfte unseres Endenergieverbrauchs entfällt auf Wärme – in Gebäuden, in der Industrie und in kommunalen Netzen. Wer also ausschließlich über Strom spricht, betrachtet bestenfalls die halbe Realität.

Erfolgreich wird die Transformation nur dann, wenn sämtliche erneuerbaren Technologien intelligent zusammenspielen:

  • Photovoltaik

  • Solarthermie

  • PVT-Systeme

  • Wärmepumpen

  • Groß- und Langzeitwärmespeicher

  • Batteriespeicher

  • Wärmenetze

  • intelligentes Energiemanagement

  • KI-gestützte Betriebsoptimierung

Nicht die einzelne Technologie entscheidet.

Das System entscheidet.

Und genau dort beginnt die eigentliche Wertschöpfung.

Die teuerste Entscheidung war das Nichtstun

Deutschland gehörte einst zu den Pionieren der Solarindustrie.

Heute dominieren asiatische Hersteller den Weltmarkt.

Das war keine Naturkatastrophe.

Das war politische Entscheidung.

Die sogenannte Altmaier-Delle markierte den Beginn eines industriepolitischen Rückzugs mit Ansage. Investitionen brachen ein, Unternehmen verschwanden, Know-how wanderte ab. Während wir erklärten, weshalb etwas angeblich nicht funktionieren könne, bauten andere Produktionskapazitäten auf.

Heute beklagen wir den Verlust der Technologieführerschaft.

Überraschend kommt das nicht.

Wer den eigenen Markt austrocknet, muss sich nicht wundern, wenn andere die Ernte einfahren.

Leider scheint die aktuelle Bundesregierung aus dieser Entwicklung erstaunlich wenig gelernt zu haben. Man gewinnt gelegentlich den Eindruck, als sei der Rückspiegel wichtiger als die Windschutzscheibe. Das erklärt vielleicht manche politische Entscheidung – bringt uns wirtschaftlich allerdings keinen Meter nach vorne.

China hat nicht gewonnen, weil Deutschland verloren hat

Ein besonders beliebter Irrtum lautet:

"China hat unsere Industrie zerstört."

Nein.

China hat eine Gelegenheit erkannt.

Während Europa diskutierte, investierte China.

Während wir Genehmigungen optimierten, wurden dort Fabriken gebaut.

Während wir Marktmechanismen erklären wollten, wurden Skaleneffekte geschaffen.

Das Ergebnis sehen wir heute.

Photovoltaikmodule kosten heute nur noch einen Bruchteil dessen, was sie vor fünfzehn Jahren kosteten. Ähnliches gilt für Batteriespeicher und zunehmend auch für Wärmepumpen. Dieser Preisverfall entstand nicht durch Magie, sondern durch industrielle Skalierung, hohe Fertigungstiefe, konsequente Automatisierung und einen riesigen Heimatmarkt.

Natürlich unterstützt China seine Industrie.

So wie praktisch jede große Industrienation strategische Schlüsselbranchen unterstützt.

Der Unterschied liegt woanders.

China nutzt staatliche Unterstützung überwiegend dazu, industrielle Wertschöpfung dauerhaft aufzubauen.

Europa nutzt Förderprogramme häufig dazu, Symptome zu behandeln, die es ohne politische Fehlentscheidungen gar nicht gäbe.

Das ist ungefähr so effizient, als würde man erst das Dach abdecken und anschließend Fördermittel für Regenschirme bereitstellen.

Wir müssen nicht alles selbst bauen

Hier beginnt die eigentliche Chance.

Deutschland wird auf absehbare Zeit keine chinesischen Produktionsvolumina kopieren.

Und das muss auch niemand erwarten.

Unsere Stärke lag nie ausschließlich in der Massenfertigung.

Unsere Stärke liegt in:

  • Ingenieurwissen

  • Systemintegration

  • Forschung

  • Maschinenbau

  • Qualitätsmanagement

  • industrieller Prozesskompetenz

  • komplexen Energiesystemen

China bringt dagegen andere Stärken ein:

  • enorme Skalierung

  • schnelle Industrialisierung

  • leistungsfähige Lieferketten

  • hohe Fertigungsgeschwindigkeit

  • Venture Capital

  • kurze Innovationszyklen

Warum sollten sich diese Kompetenzen ausschließen?

Sie ergänzen sich.

Voraussetzung ist allerdings, dass wir endlich aufhören, Partnerschaften mit Überheblichkeit zu verwechseln.

Europa ist längst nicht mehr in der Position, anderen die Spielregeln einseitig vorzuschreiben.

Partnerschaft auf Augenhöhe bedeutet nicht Unterordnung.

Sie bedeutet gegenseitigen Nutzen.

Genau das macht erfolgreiche Wirtschaft seit Jahrhunderten aus.

Die nächste große Wertschöpfung heißt Wärme

Während nahezu jeder über Photovoltaik spricht, entwickelt sich im Hintergrund ein Markt, der volkswirtschaftlich sogar noch bedeutender werden dürfte.

Der Wärmesektor.

Hier reden wir über Billioneninvestitionen weltweit.

Hier entstehen neue Geschäftsmodelle.

Hier werden ganze Industriezweige transformiert.

Und genau hier besitzt Europa noch erhebliche Stärken.

Solarthermie zählt dazu.

Ebenso Großwärmespeicher.

Kommunale Wärmenetze.

Prozesswärme.

Solar Assisted Cooling.

Hybridsysteme.

PVT-Technologien.

Saisonale Speicher.

Intelligente Wärmeregelungen.

Vor allem aber komplette Energiesysteme.

Nicht einzelne Geräte.

Sondern integrierte Lösungen.



Das Haus der Zukunft wird als Gesamtsystem verkauft

Die nächste Evolutionsstufe besteht nicht mehr aus vielen Einzelkomponenten.

Sie besteht aus einem Gesamtsystem.

Eine Einheit.

Werkseitig vorkonfiguriert.

Digital vernetzt.

KI-optimiert.

Ein denkbares Beispiel:

  • Wärmepumpe

  • Wärmespeicher

  • Batteriespeicher

  • PV

  • Solarthermie oder PVT

  • intelligentes Energiemanagement

  • Lastprognosen

  • Wetterdaten

  • dynamische Stromtarife

  • automatische Optimierung

Nicht zehn Hersteller.

Nicht fünf Apps.

Nicht drei Installateure.

Sondern ein funktionierendes Gesamtsystem.

Genau dort entsteht künftig die eigentliche Marge.

Nicht im einzelnen Bauteil.

Sondern in der intelligenten Integration.

Etwas was im Übrigen die SNEC2026 Anfang Juni 2026 in Shanghai aufgezeigt hat.

Förderung ersetzt keine Wettbewerbsfähigkeit

Die deutsche Debatte kreist nahezu reflexartig um Förderprogramme.

Dabei müsste das eigentliche Ziel ein anderes sein.

Produkte müssen so günstig werden, dass sie auch ohne Dauersubvention wirtschaftlich attraktiv sind.

Skalierung schafft genau diesen Effekt.

Sinkende Produktionskosten bedeuten sinkende Investitionskosten.

Sinkende Investitionskosten bedeuten kürzere Amortisationszeiten.

Kürzere Amortisationszeiten schaffen Nachfrage.

Und Nachfrage wiederum erzeugt neue Skalierung.

Das ist funktionierende Industriepolitik.

Nicht jedes Jahr neue Förderrichtlinien, die schneller geändert werden als manche Minister ihre energiepolitischen Überzeugungen.

Der Taschenrechner ist ohnehin meist der bessere Berater als jede Pressekonferenz.

Sicherheit entsteht durch Partnerschaften – nicht durch Abschottung

Natürlich werden bei Kooperationen mit China regelmäßig Sicherheitsfragen aufgeworfen.

Diese Diskussion gehört geführt.

Sachlich.

Technisch.

Nüchtern.

Aber pauschale Abschottung löst kein einziges Problem.

Technologische Souveränität entsteht nicht dadurch, dass man Märkte meidet.

Sie entsteht dadurch, dass man selbst wieder technologisch relevant wird.

Wer attraktive Produkte entwickelt, Standards setzt und Systemkompetenz besitzt, gestaltet Märkte.

Wer sich dagegen ausschließlich auf Verbote konzentriert, überlässt Gestaltung anderen.

Unternehmer statt Bedenkenträger

Die Politik wird diese Transformation nicht allein stemmen.

Sie kann Rahmenbedingungen setzen.

Mehr nicht.

Innovation entsteht in Unternehmen.

In Forschungseinrichtungen.

Bei Start-Ups.

Im Mittelstand.

In Industriepartnerschaften.

Dort, wo Menschen bereit sind, Risiken einzugehen.

Genau diesen Unternehmergeist brauchen wir jetzt.

Nicht als nostalgische Erinnerung an vergangene Wirtschaftswunder.

Sondern als Grundlage für das nächste.

Der Blick über den Tellerrand entscheidet

Deutschland besitzt weiterhin enormes Potenzial.

Europa ebenfalls.

Wir verfügen über exzellente Ingenieure.

Über Forschung.

Über industrielle Erfahrung.

Über hervorragende Unternehmen.

Was uns derzeit häufiger fehlt, ist weniger Kompetenz als Mut.

Mut, alte Gewissheiten zu hinterfragen.

Mut, internationale Partnerschaften als Chance statt als Bedrohung zu begreifen.

Mut, Technologieoffenheit tatsächlich zu leben.

Und Mut, endlich wieder größer zu denken.

Die Energie- und Wärmewende wird nicht dadurch erfolgreich, dass jeder Kontinent versucht, alles allein zu produzieren.

Sie gelingt, wenn jeder seine Stärken einbringt.

Europa kann Innovation und nach wie vor Maschinenbau.

China kann Skalierung und schnelle Umsetzung.

Gemeinsam lassen sich Märkte entwickeln, die beide Seiten stärken und gleichzeitig den globalen Klimaschutz beschleunigen.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob wir diese Chancen haben.

Wir haben sie.

Die entscheidende Frage lautet, ob wir endlich bereit sind, sie zu nutzen.

Der Rest ist keine Frage der Technologie.

Sondern des politischen und unternehmerischen Willens.

Und falls die Bundesregierung dabei gelegentlich den Eindruck erweckt, sie wolle das 21. Jahrhundert zunächst noch einer ausgiebigen Ausschusssitzung unterziehen, dann sollte die Wirtschaft genau das tun, was sie in ihren besten Zeiten immer getan hat:

Nicht auf Erlaubnis warten.

Sondern Zukunft bauen.

Aktuell bereite ich Folgebeiträge vor bei dem ich versuchen werde ein wenig mehr eine Geschichte zu erzählen Der erste Beitrag in drei Teilen wird sich mit dem gleichen Inhalt beschäftigen wie das zuvor gelesene, jedoch anders erzählt. Lasst euch überraschen.


An dieser Stelle erlauben wir uns einen Hinweis in eigener Sache:

Globalisierung ist kein Nullsummenspiel – sie ist, richtig gestaltet, ein Wohlstandsmodell. Für uns. Für Europa. Für Asien / China. Und vor allem für die kommenden Generationen.

Es gilt daher: Brücken bauen statt Gräben vertiefen

Gerade deshalb sind interkulturelle Vermittler entscheidend. Vermittler die in beiden Kulturen zu Hause sind und vernetzen können. Vermittler die ein Verständnis für beide Kulturen übermitteln und verständlich machen können.

Daher sei uns an dieser Stelle ein wenig Eigenwerbung erlaubt:

Die Kooperation zwischen WOELL-Consulting in Deutschland und Kathai Marketing and Consulting in China zeigt exemplarisch, wie solche Brücken aussehen können: wirtschaftlich fundiert, kulturell sensibel und strategisch ausgerichtet. Gemeinsam sorgen wir für die Vernetzung von Unternehmen in Deutschland und China, vice versa.

Mehr dazu unter:
https://woell-consulting.eu


Mittwoch, 3. Juni 2026

 

Blog_0019_2026

Die Energiewende ist mehr als Strom: Warum wir endlich anfangen müssen, Wärme mitzudenken

Im Nachfolgenden wiederhole ich ein Thema, über welches ich schon so manches mal geschrieben habe. Aber wie heißt so schön altmodisch:
Steter Tropfen und so…


Ein kurzer Blick zurück: Wie aus einer Energiewende eine Stromwende wurde

Die deutsche Energiewende war ursprünglich als ganzheitliche Transformation gedacht. Weg von fossilen Energieträgern, hin zu erneuerbaren Quellen. Eigentlich ein recht einfacher Plan.

Doch irgendwo zwischen EEG-Novellen, Lobbyinteressen, Förderrichtlinien und politischem Aktionismus wurde aus der Energiewende schleichend eine Stromwende. Heute scheint die öffentliche Debatte fast ausschließlich aus drei Begriffen zu bestehen: Photovoltaik, Windkraft und Wärmepumpe.

Wer Fachmedien liest, LinkedIn öffnet oder durch soziale Netzwerke scrollt, bekommt schnell den Eindruck, die Lösung aller energiepolitischen Herausforderungen bestehe darin, möglichst viele Solarmodule auf Dächer zu schrauben und anschließend Wärmepumpen anzuschließen.

Das ist nicht falsch.

Aber es ist eben auch nicht die ganze Wahrheit.

Denn während Deutschland über Gigawatt, Einspeisevergütungen und Netzanschlusspunkte diskutiert, gerät ein entscheidender Fakt regelmäßig in Vergessenheit: Der größte Energieverbraucher in Deutschland ist nicht der Stromsektor. Es ist die Wärme.

Der aktuelle Ist-Zustand: Strom, Strom und nochmals Strom

Der jährliche Wärme- und Kältebedarf Deutschlands liegt noch immer bei rund 1.200 bis 1.300 Terawattstunden. Selbst unter Berücksichtigung zukünftiger Effizienzsteigerungen bleibt dies der mit Abstand größte Energiebedarf unseres Landes.

Trotzdem konzentriert sich nahezu die gesamte öffentliche Aufmerksamkeit auf die Stromerzeugung.

Die Folgen dieser Einseitigkeit sind sichtbar:

  • Überdimensionierte PV-Anlagen werden installiert, weil möglichst viel Fläche belegt werden soll.

  • Netzbetreiber kämpfen mit Engpässen.

  • Erneuerbare Stromerzeugung wird regelmäßig abgeregelt.

  • Der Netzausbau hinkt dem Ausbau der Erzeugungsanlagen hinterher.

Und anschließend beginnt das bekannte Ritual:

Die Branche beklagt die Politik. Die Politik beklagt fehlende Genehmigungen. Die Netzbetreiber beklagen fehlende Kapazitäten. Die Bürger beklagen steigende Kosten.

Alle beklagen irgendetwas.

Nur über Lösungen wird erstaunlich wenig gesprochen.


Die verdrängte Technologie: Solarthermie

Dabei existiert eine Technologie, die seit Jahrzehnten verfügbar, technisch ausgereift und millionenfach erprobt ist:

SOLARTHERMIE..

Ja, genau. Diese Technologie, die in vielen Diskussionen inzwischen ungefähr die mediale Aufmerksamkeit einer Telefonzelle im Zeitalter des Smartphones genießt.

Dabei besitzt Solarthermie einen entscheidenden Vorteil:

Sie erzeugt Wärme direkt.

Kein Umweg über Stromerzeugung. Keine Wechselrichter. Keine Netzanschlüsse. Keine Einspeiseanträge. Keine Redispatch-Maßnahmen.

Sonnenstrahlung wird unmittelbar in nutzbare Wärme umgewandelt.

Aus physikalischer Sicht ist das bemerkenswert effizient.

Denn wenn Wärme benötigt wird, stellt sich die berechtigte Frage:

Warum sollte man Sonnenenergie zunächst in Strom umwandeln, diesen transportieren und anschließend wieder in Wärme zurückverwandeln?

Das entspricht ungefähr dem Versuch, Wasser durch drei Pumpstationen zu schicken, obwohl die Quelle direkt neben dem Haus liegt.

Wärme teilen statt Strom abregeln

Besonders interessant wird Solarthermie dort, wo wir über Quartiere, Nahwärmenetze und industrielle Anwendungen sprechen.

Anders als Strom lässt sich Wärme vergleichsweise einfach speichern.

Von klassischen Pufferspeichern über Erdbecken- und Aquiferspeicher bis hin zur saisonalen Wärmespeicherung existieren zahlreiche Technologien, die längst marktreif sind.

Überschüssige Wärme muss nicht zwangsläufig verloren gehen.

Sie kann gespeichert werden.

Sie kann mit Nachbarn geteilt werden.

Sie kann ganze Quartiere versorgen.

Sie kann Prozesswärme für Industrie und Gewerbe bereitstellen.

Sie kann Fernwärmenetze unterstützen.

Und sie kann Wärmepumpensysteme entlasten, indem sie deren Effizienz deutlich steigert.

Genau deshalb geht es nicht um ein „Entweder-oder“.

Es geht um ein intelligentes „Sowohl-als-auch“.

Warum darüber kaum gesprochen wird

Die Antwort ist so einfach wie unerquicklich:

Mit Aufmerksamkeit lässt sich Geld verdienen.

Mit Marketing ebenfalls.

Und hier spielen Photovoltaik, Windkraft und Wärmepumpen inzwischen in einer ganz anderen Liga.

Solarthermiehersteller verfügen weder über die Marketingbudgets noch über die politische Schlagkraft großer Industriezweige.

Wer laut trommelt, wird gehört.

Wer physikalisch recht hat, leider nicht immer.

Das erklärt auch, weshalb manche Diskussionen heute weniger von Ingenieuren als von Marketingabteilungen geprägt werden.

Dabei sollte gerade die Energiewende ein Spielfeld der Physik sein.

Die Naturgesetze interessieren sich schließlich weder für Parteiprogramme noch für LinkedIn-Kampagnen.

Die politische Dimension: Wenn Ideologie auf Realität trifft

Natürlich trägt auch die Politik ihren Anteil an dieser Entwicklung.

Seit Jahren erleben wir energiepolitische Strategien, die häufig den Eindruck vermitteln, als würden sie auf PowerPoint-Folien entstehen und erst danach mit der Realität abgeglichen.

Der Netzausbau wurde unterschätzt.

Die Wärmewende wurde vernachlässigt.

Technologieoffenheit wurde oft gepredigt, aber selten gelebt.

Stattdessen entstand ein System, das einzelne Technologien bevorzugt, während andere kaum Beachtung finden.

Das Ergebnis ist ein energiepolitisches Monokulturdenken.

Und Monokulturen funktionieren weder in der Landwirtschaft noch in komplexen Energiesystemen besonders gut.

Man könnte fast den Eindruck gewinnen, manche politische Entscheidungsträger betrachten Energieversorgung ähnlich wie einen Streamingdienst: Hauptsache, es läuft irgendetwas. Wie die Infrastruktur dahinter funktioniert, interessiert erst dann, wenn plötzlich der Bildschirm schwarz bleibt.

Die Möglichkeiten liegen längst auf dem Tisch

Dabei sind die Lösungsansätze keineswegs Zukunftsmusik.

Wir verfügen bereits heute über:

  • Großflächige Solarthermieanlagen

  • Saisonale Wärmespeicher

  • Aquiferspeicher

  • Nah- und Fernwärmenetze

  • Wärmepumpensysteme

  • Biomasseanlagen

  • Geothermie

  • Industrielle Abwärmenutzung

Die Technologien sind vorhanden.

Die Ingenieurskompetenz ebenfalls.

Viele erfolgreiche Projekte beweisen seit Jahren ihre Praxistauglichkeit.

Was fehlt, ist nicht das Wissen.

Was fehlt, ist der Wille zur konsequenten Umsetzung.

Fazit: Die Energiewende braucht mehr Ingenieure und weniger Scheuklappen

Die Energiewende wird nicht an fehlenden Technologien scheitern.

Sie wird scheitern, wenn wir weiterhin glauben, jede Herausforderung ausschließlich mit mehr Strom lösen zu können.

Photovoltaik ist wichtig.

Windkraft ist wichtig.

Wärmepumpen sind wichtig.

Aber sie sind eben nur Teile eines deutlich größeren Puzzles.

Wer die Wärmeversorgung eines Industrielandes dekarbonisieren will, muss sämtliche verfügbaren Technologien nutzen. Nicht irgendwann. Nicht nach der nächsten Wahlperiode. Nicht nach der nächsten Förderkulisse.

Sondern jetzt.

Die Physik hat ihre Hausaufgaben längst gemacht. Die Technologien stehen bereit. Die Beispiele funktionieren.

Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, dass Bürger, Unternehmen, Planer, Ingenieure und Kommunen wieder mehr Verantwortung übernehmen und weniger darauf warten, dass die nächste Regierung plötzlich die perfekte Lösung präsentiert.

Denn eines zeigt die Geschichte der Energiewende sehr deutlich:

Wer darauf wartet, dass politische Visionen allein Häuser heizen, Industrieprozesse versorgen und CO₂ vermeiden, wird am Ende feststellen, dass Wahlprogramme zwar vieles können – Wärme erzeugen gehört allerdings nicht dazu.